„Zigarette?“, fragte Marcel Jenny und hielt ihr eine rot-weiße Schachtel entgegen. Sie dachte einen Moment darüber nach, bevor sie mit der Schulter zuckte und vom Bett aufstand:
„Ach, was soll‘s…!“ Sie zog einen Glimmstängel aus der Packung. Der Junge warf die Schachtel auf den Tisch und ging zum Fenster. Er öffnete es, lehnte sich heraus und steckte die Zigarette in seinen Mund. Jenny tat es ihm gleich.
„Wenn wir schon mal so hier stehen, möchte ich dich etwas fragen: Warum tust du das?“, fragte Jenny, während sie rauchend am Fenster standen.
„Was meinst du?“
„Na ja du rauchst du trinkst, und das nicht gerade wenig, und weiß der Geier was du noch machst. So was tut man doch nicht grundlos. Also, erzähl schon.“ Marcel zog an der Zigarette.
„Ich weiß nicht. Es heißt immer: Wer so ist, hat irgendetwas, wovor er wegläuft, irgendetwas, was falsch läuft. Aber muss das denn bei allen zutreffen. Vielleicht mach ich das ja nur, weil es mir Spaß macht, weil ich drauf stehe, um die Zeit totzuschlagen…“
„Glaub ich dir nicht. Und um deine Frage zu beantworten: Ja, es trifft auf alle zu.“
„Da bin ich anderer Ansicht.“
„Wie dem auch sei. Wollt‘s ja nur mal zur Diskussion stellen.“
„Und wie geht’s mit der jetzt weiter? Ich meine morgen, wenn du wieder nach Hause musst.“
„Ich weiß es nicht. Ich möchte auch gar nicht darüber nachdenken, was nun passieren könnte. Ich weiß nicht wie meine Mutter darauf reagiert hat.“
„Auf das Kokain deines Vaters oder auf deinen dramatischen Abgang?“
„Sowohl als auch.“ Sie schwieg und blickte ins weite Blau des Himmels. Wie schön wäre es doch, jetzt einfach wegzufliegen, ganz weit weg. Alles hinter sich zu lassen, alles zu vergessen. Wenigstens für eine Weile. Nun, da er sie darauf angesprochen hatte, dachte sie doch über alles nach, über die Konsequenzen, die nun auf sie warten würden. Ihre Mutter könnte ihren Vater anzeigen, dann wären sie ihn wenigstens los. Sie könnte auch nichts tun, den Vorfall vergessen und weiter machen wie bisher. Oder sie könnte ihn auch rausschmeißen. Sie wusste nicht, welche dieser Möglichkeiten die wahrscheinlichste war. Es lag nicht in ihrer Hand, diese Entscheidung zu treffen.
Sie warf den übrig gebliebenen Filter in hohem Bogen auf dem Fenster, über den Gartenzaun, auf den gepflasterten Weg, der dahinter war.
Nachdem auch Marcel fertig war, schloss er das Fenster wieder, ließ die Schachtel in einer Schublade verschwinden und ließ sich auf das Bett fallen. Jenny machte sich inzwischen an seinem Laptop zu schaffen. Mit einem interessierten Blick durchstöberte sie seine Festplatte. Gebannt blickte sie auf seine Filmsammlung, die insgesamt eine Zahl von über 100 ergab. Sie scrollte eine Weile, bis sich ihr Gesicht erhellte und sie rief: „Lass uns einen Film gucken!“ Sie sah ihn mit einem bittenden Blick an, dem er einfach nicht wiederstehen konnte.
„Klar, wieso nicht.“ Freudig sprang sie vom Stuhl auf, zog alle Kabel aus dem Laptop und setzte sich zu Marcel aufs Bett. Sie lehnten sich an die Wand an und stellten den Laptop vor ihre Füße.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen